Bodensee 2004



Lac de Constance

In unseren Regionen eher bekannt als Bodensee, liegt sowohl in Deutschland als auch der Schweiz und Österreich. Eine Herausforderung von ca. 260 km per Velo. Während der allgemein schönsten Zeiten des Jahres wahrscheinlich kaum in Einsamkeit umrundbar, wobei viele schöne Stellen dann sogar nicht auf, sondern lediglich neben dem Fahrrad erkundet werden können.

Wir, die Nordmänner (zumindest aus deutscher Sicht), haben uns entschlossen, die einsame Tour im November mit all ihren Reizen und Tücken zu bewältigen. Denn gerade zu dieser Zeit bietet die Natur ein Schauspiel, welches zu warmen Zeiten unvorstellbar scheint. Zudem besteht der Reiz diese Herausforderung zu meistern, auch wenn sie sicherlich noch im unterem Bereich der Skala liegt, bedenkt man, welche Touren andere Abenteurer so auf sich nehmen. Hier gilt eher die Relation and we are just beginners.

Unsere Jahresendtour beginnt am 17.11.2004 um 21.50 Uhr am Hamburger Autozugbahnhof in Altona. Nachdem unsere Velos verstaut sind, wandern wir Richtung Wagen 24 und nehmen in unserer 2 Personen Kajüte platz. Noch vor der Abfahrt inspizieren wir das Schlafgemach für die nächsten 8 Stunden Richtung Augsburg. Ab Hannover fliegen wir den Traumwelten entgegen.

Winter 2004 ◦ 4 Tage ◦ 250 km

Deutschland ◦ Österreich ◦ Schweiz

Am nächsten Morgen geht es von Augsburg über Ulm zum Ausgangspunkt der Bodensee-Tour, Lindau – Lindau in 4 Tagen. Tja, Hamburg ab und das nächstgesehene gleich Bayern, was soll da noch gesagt werden. Der Bahnhof Lindau liegt bekanntlicher Weise auf der Insel, sehr beeindruckend und motivierend. Morgens 10.00 Uhr, der Himmel leicht bedeckt, gefühlte Temperatur mäßig, kein Handschuh-Zwang. Zunächst wird natürlich der Hafen besucht, um den See zu begrüßen und die Tour anzukündigen. Klasse Ausblick, wie eigentlich von sämtlichen Stellen rund um den See. Von Nebel glücklicherweise nichts zu sehen. Trotzdem scheitern alle Versuche, die zu sehenden Städte als Begrenz oder gar Rohrschach etc. zu identifizieren. Geht ja auch gar nicht. Wie soll unbekanntes Gebiet konkretisiert werden, wenn nicht große Transparente mit Städtenamen im See aufgestellt sind.

Okay, soweit so gut. Es liegen ca. 85 km vor uns. Von Lindau nach Österreich, durch Bregenz in die Schweiz, nach Rohrschach und über Romanshorn nach Konstanz, zurück in das Heimatland.

Ein Tag – 3 Länder, klingt doch gut, oder?

Weisser November hinter Insel Mainau

Weisser November hinter Insel Mainau

Hochmotiviert passieren wir Bregenz und fahren am frühen Nachmittag in Rohrschach ein. Hier soll pausiert werden. Die Suche nach einer geeigneten Lunchtime-Lokalität endet total frustrierend in einem kleinen Döner-Imbiss mit für uns ungewöhnlichem Preisgefüge, sprich teuer. Die Rohrschacher Lunchtime liegt irgendwie nur zwischen 12.00 und 14.00 Uhr, danach nothing. Als Großstädter fühlt man sich aufgeschmissen.
Die Strecke führt weiter nach Romanshorn, welches wir gegen 17.00 Uhr in der Dämmerung erreichen. An der Hafenspitze haben wir eine schöne Sicht, sieht aus, als ob der Weltuntergang einsetzt.Der Sunset gibt uns genug Mut und Motivation für den letzten Abschnitt.

Die Dunkelheit umgibt uns sehr rasch, die eigene Hand lediglich spürbar. Steigungen und Gefälle sind nur fühlbar, was uns auf unbekanntem Gebiet zu schaffen macht. Die Strecke an sich verläuft meistens neben der Bahn, mal rechts, mal links. Jeder vorbeifahrende Zug steigert den Frust, zu wissen, dass er bestimmt in wenigen Minuten unser Ziel erreicht und wir hier in der dunklen Weitläufigkeit die letzten Kilometer erkämpfen müssen. Zusätzlich wissen wir zwar, dass unsere Unterkunft in Konstanz gesichert ist, aber nicht, was sonst noch auf uns zu kommt.

Inzwischen, kurz vor Konstanz, erhellt das Ortschild von Scherzingen. Klasse, dann ist das Ziel nicht mehr weit. Dies ist also der Ort, in dem Jan Ullrich wohnt. Wir landen natürlich nicht vor seinem Haus, sondern direkt in der Psychiatrie.

Sind wir denn bekloppt?

An der Seeseite liegt eine Klinik für Psychiatrie, soweit wir dies noch erkennen können. Wir radeln quer durch das Gelände und erreichen wenig später Kreuzlingen und dann endlich Konstanz. Unsere Unterkunft ist vorbereitet. Der entspannenden, verdienten heißen Dusche steht nichts mehr im Weg. Hinterher ein kleiner Abendschmaus. So endet Tag 1, 85 km gefahren und morgen wird alles besser.

Untersee/Zellsee

Tag 2, Freitag morgen, ca. 75 km liegen vor uns. Heute umfahren wir den Untersee von Konstanz, in die Schweiz über Stein am Rhein und Radolfzell zurück. Gegen 08:00 Uhr haben wir den ersten Kontakt mit strömendem Regen, dabei wollen wir nur kurz zur Bäckerei. Die Lust am radeln ist gedrückt. Trotzdem nehmen wir die heutige Etappe wenig später bei leichtem Regen in Angriff. Nach ein paar Kilometern gleiten wir über das trockene Gebiet der Schweiz.

Pause in Liggeringen

Pause in Liggeringen

Der ständige Gegenwind senkt die Stimmung (windchill, das Leid wohl jeden Bikers). Immer wieder erwische ich mich bei der Tacho-Kontrolle. Schon 20 km gefahren und Stein am Rhein nicht in Sicht, obwohl wir eigentlich längst da sein sollen. In dem Wissen, dass nach Stein am Rhein noch ca. 55 km zu fahren sind, werden wir wieder einen langen stockdunklen Abschnitt vor uns haben. Oh, oh.

Mittags können wir die Grenze nach Deutschland überqueren. Plötzlich ist wieder alles bestens. Jetzt genießen wir die Sonnenseite, der Wind ist auch nicht mehr so stark und das beste ist, dass ich mich bezüglich der Kilometer geirrt habe. Denn Stein am Rhein ist 30 km entfernt, gefolgt von jeweils ca. 20 km nach Radolfzell und Konstanz. Da habe ich etwas durcheinander gebracht.

Aufgrund der guten Neuigkeiten bereiten uns auch die diversen kommenden Steigungen weniger Probleme. In Gaienhofen nehmen wir eine Auszeit. Ab Radolfzell bricht die Dunkelheit ein, ziemlich tückisch in diesem Fall. Der Weg nach Konstanz führt nämlich teilweise direkt neben der Bundesstrasse entlang, größtenteils sogar auf gleichem Höhenniveau. Die Nachtfahrer werden die Problematik sofort erkennen. Bei fehlender Wegbeleuchtung werden wir auch ohne Anschalten des Fernlichtes der Autofahrer von ihnen stark geblendet. Das könnte uns wirklich erspart bleiben. Trotz der Barrieren kommen wir schnell voran und erreichen Konstanz am frühen Abend gut gelaunt.

Immerhin sind 150 km, mehr als die Hälfte, geschafft. Was soll da noch kommen?

Überlinger See

Tag 3, ca. 60 km, Konstanz – Meersburg über Ludwigshafen.

Frei nach dem Motto „Uns kann gar nichts erschüttern“, lächerliche 60 km um den Überlinger See sind doch kein Thema mehr, machen wir uns bei leicht bedecktem Himmel und Temperaturen gegen Null tendierend auf den Weg zur Insel Mainau.
Am Eingangsportal der Insel angekommen, legen wir eine kleine Verschnaufpause ein. Da genieße ich gerade meinen letzten Schluck heißen Tee aus der Thermoskanne als sich das Unheil ganz langsam ankündigt. Es wird weiß, alles kommt von oben, gleich frontal. Ein bisschen Abwechslung ist schön, denken wir. Rauf auf die Velos und ab nach Ludwigshafen. Haben wir etwa das weniger leicht zugängliche Gelände ab Dingelsdorf vergessen? Scheinbar ja. Nach einer halben Stunde müssen wir eine Zwangspause einlegen. Der Wind-chill in Kombination mit den Schneeflocken ist zu stark.

Der Aufstieg bis Liggeringen ist bei diesen Bedingungen nicht angenehm. Einige Male schieben wir unsere Velos, da wir nicht wissen, was uns noch erwartet. In Liggeringen angekommen, suchen wir vergeblich ein geschütztes Plätzchen für die Rast und müssen uns mit einem kleinen Haus am Straßenrand begnügen. Zum Glück haben wir heute extra Verpflegung eingepackt, ansonsten wären wir aufgeschmissen. Erleichtert erkenne ich den einen oder anderen Notrufkasten, die letzte Hoffnung, falls etwas schief geht.

Moralisch angeschlagen erklimmen wir die letzte Steigung, geschafft!
Jetzt geht’s bergab nach Bodman. Abfahrt ist klasse, aber nicht auf zu geschneiter Fahrbahn mit Autoverkehr und Hagel. Ein halber Meter steht uns zur Verfügung, alles andere ist entweder Gegenrichtung oder lebensmüde. Die Abfahrt ist also fast noch schlimmer. Desto mehr steigt die Stimmung bei der Ankunft in Bodman.
Uns ist schnell klar, dass wir nicht wie gewünscht und erforderlich zwischen 17:00 – 18:00 Uhr in Meersburg sind. Deshalb ist das nächste Ziel der Bahnhof von Ludwigshafen. Per Bahn nach Uhldingen-Mühlhofen, die letzten Meter wieder auf dem Velo. Folglich fehlen uns nun ca. 25 km. Damit müssen wir uns leider abfinden. Dafür haben wir ab Uhldingen wieder schnee- und eisfreie Räder, auch wenn die Bahn davon geschwommen ist.

So kommen wir tatsächlich noch rechtzeitig in Meersburg an. Der absolute Tiefpunkt unserer Tour ist erreicht, es kann nur besser werden.

Der Rest

Am letzten Tag sollen es ca. 40 km werden. Ab Lindau werden wir abends die Heimreise per Zug antreten.
Eine Umrundung des Sees ist für uns nur die halbe Erfüllung. So unternehmen wir eine kleine Kreuzfahrt, einmal Meersburg – Konstanz – Meersburg. Die Aussicht ist klasse und wäre sogar ohne Nebelschwaden zu toppen.
Zurück in Meersburg startet die letzte Etappe bei aufgeklartem Himmel mit Sonnenschein. Die Handschuhe sind heute unverzichtbar. Angenehmes Klima, leichtgängiges Gelände und kurze Etappe.

Friedrichshafen erreichen wir begleitet von blauem Himmel und Sonnenschein. Auf der Promenade tobt das Leben. Nach einem kleinen Snack beim Chinamann, genieße ich mein Spaghettieis in sonniger Kulisse mit Seeblick, herrlich.

Total benebelt vom schönen Wetter landen wir in der Kiesstrand-Sackgasse von Langenargen; na ja, bei dem Stadtnamen. Kaum wendet man sich von der Hauptroute ab, verpasst man glatt den Abbieger. Die letzten Meter nach Lindau sind für mich mit Abstand die schönsten, vor allem die super Aussicht auf die Insel. Zeitig können wir unser Gepäck im Schließfach deponieren, die Velos anketten und die Lindauer City unsicher machen. Natürlich feiern wir unsere Umrundung angemessen in einem Gasthof. Gegen 20:00 Uhr fährt der Zug nach Augsburg. Hamburg sieht uns am frühen Montag Morgen wieder.

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