Road To EM 2008



Planung

Ein Jahr nach der Italientour wird es wieder Zeit. Nur wohin soll es diesmal gehen? Eine lange bzw. große Reise ist aufgrund mangelnder Freizeit nicht möglich. Es werden kaum 3 Wochen zur Verfügung stehen. Inzwischen habe ich mit dem Rad einige Länder besucht, diesmal könnte ich die Heimat näher erkunden. Da liegt der Elberadweg nahe, eine gute Idee. Im Osten Deutschlands kenne ich mich noch gar nicht aus und das Elbsandsteingebirge sollte man gesehen haben. In gut einer Woche wäre ich schon in Tschechien. Eine Woche ist jedoch etwas dürftig, 2 Wochen sollten es schon werden. Deshalb plane ich Prag, den Moldauradweg und den Donauradweg ein.

Allerdings wird ein weiteres Jahr vergehen, bis ich die Reise starte. Anfang 2008 kann ich die Planung konkretisieren. Von Hamburg aus am Elbe-, Moldau- und Donauradweg entlang. Pünktlich zum EM 2008 - Finale werde ich in Wien sein und hoffentlich die deutsche Nationalelf auch.

 

Elberadweg - Deutschland

Mitte Juni 2008 ist es endlich soweit. Für die Tour habe ich mir einen weiteren Schlafsack, diesmal mit Daunenfüllung zugelegt. Der Ajungilak Kompakt ist für sommerliche Temperaturen etwas überqualifiziert, schwerer und hat ein größeres Packvolumen. Diese Reise ist auch meine erste mit GPS-Unterstützung.

Die Tagesetappen sind ebenfalls vorgegeben, natürlich sind Änderungen in gewissem Rahmen möglich, jedoch ist der Endtermin fix, da der Rückflug gebucht ist. Ähnlich wie beim Giro, aber anders als bei der NSCR.

Morgens um halb sieben starte ich von Hamburg aus.  Bei mäßigem Wetter und immer wiederkehrenden Schauern treffe ich abends in der JH Hitzacker ein. Die letzten Kilometer sind anstrengend, teilweise Steigungen bis zu 13% mit über 100 km in den Beinen. Und das gleich am ersten Tag.

Das Wetter wird besser und wärmer. In Gorleben ist die eine oder andere Hinterlassenschaft der Demonstrationen gegen das Atommülllager zu sehen. Während der Mittagspause bestaune ich die Vorbereitungen für die anstehende Triathlonveranstaltung in Gartow. Hut ab, Fahrrad fahren kann ich noch verstehen, vorher Schwimmen und hinterher Laufen nicht. Zum Glück ist es freiwillig. Auf der Camping-Insel in Havelberg baue ich mein Zelt auf. Dann geht es in die Stadt zum Griechen mit TV (Griechenland - Russland).

Die nächsten beiden Tage sind meist regnerisch und windig. Der Elberadweg gibt m.E. auch noch nicht so viel her. Das ändert sich spätestens hinter Dresden.

Trotzdem durchfahre ich immer wieder nette, kleine Städtchen wie z.B. Tangermünde. In der dortigen Zecherei St. Nikolai kann ich eine Einkehr sehr empfehlen.

Elbsandsteingebirge

Elbsandsteingebirge

Magdeburg lasse ich rechts liegen und sehe lieber zu, dass ich Lutherstadt Wittenberg so rechtzeitig erreiche, um noch eine kleine Stadtbesichtigung zu machen. In der recht neuen JH werde ich auf alle Fälle das Spiel der Nationalelf gegen die Österreicher verfolgen. Eine Niederlage bedeutet das Aus für uns. Das wäre sehr tragisch, auch für meine weitere Tour. Am späten Abend kann ich mich entspannen, Deutschland gewinnt und steht im Viertelfinale.

Deutschlandkmkm/hTag
62116,26
Hamburg - Hitzacker12516,41
Hitzacker - Havelberg11817,22
Havelberg - Niegripp10015,03
Niegripp - Wittenberg10416,24
Wittenberg - Strehla9916,15
Strehla - Pilnitz7516,06
Pilnitz - Bad Schandau (Schiff)--
Die letzten Kilometer an der Elbe kündigen sich langsam an. Die Strassenverhältnisse sind im Osten und auf dem Elberadweg sehr schlecht. Es sind auch selten Geschäfte in den kleinen Dörfern und selbst wenn, dann meistens geschlossen. Dafür ist mein nächster Campingplatz in Strehla ein Highlight. Er ist einem Freibad angeschlossen bzw. eine der großen Wiesen ist eben für die Camper. Vor dem Abendessen bin ich der einzige im Wasser. Das gesamte Becken inkl. Sprungturm und Rutsche gehört mir allein. Die fast flüssige Butter habe ich meinen Nachbarn zur Verwahrung in dessen Eisschrank gegeben. Kurz vor dem Schlafen werde ich von einer Scharr von Hummel oder ähnlichem verfolgt. Eine halbe Stunde habe ich mit denen zu tun, bevor ich sorgenfrei ins Zelt gelange. Damit nicht genug, habe ich auch noch Besuch von einem Maulwurf, der sich rund ums Zelt gräbt. Dann lausche ich dem brummen der Insekten, immer in der Hoffnung, das es leiser wird und sie sich entfernen.

Der sechste Tag ist angebrochen, es beginnt der schönste Teil des Elberadweges, die sächsische Weinstrasse, Dresden und das Elbsandsteingebirge. Der Radweg ist in diesem Teil schon fast vorbildlich gut, ab Meißen ein Genuss zu radeln. Dresden werde ich mir ebenfalls nicht anschauen können.

Das kann ich aufgrund der Nähe zu Hamburg jedoch immer noch. Dafür habe ich ein paar Tage für Prag und Wien eingeplant. Ich lasse es mir dennoch nicht nehmen, eine Pause im Watzke Ball- und Brauhaus im Biergarten direkt an der Elbe einzulegen. Leider verpasse ich deshalb das Dampfschiff, mit dem ich nach Bad Schandau fahren will. Vom Schiff aus hat man den besten Blick auf das Gebirge.

Ab Dresden verschärfe ich das Tempo, um das Schiff einzuholen. Die nächste Anlegestelle in Pilnitz erreiche ich so ca. 5 Minuten früher. Die Schifffahrt ist grandios. Hier und da kann ich die Wanderer und sogar ein paar Kletterer beobachten und filmen.

Hinter Bad Schandau verlasse ich Deutschland. In Tschechien ist die Ausschilderung des Radweges nicht gut. Gegen Mittag scheine ich falsch abzubiegen, obwohl ein Schild mit einem Fahrrad darauf mir den Weg weist. Nun befinde ich mich auf einem Waldweg, der nur nach oben und tiefer in den Wald führt. Nach einer halben Stunde kann ich nicht mehr fahren, muss schieben. Der Pfad wird immer enger, die Sträucher zerkratzen meine Beine. Die Rechte Wade ist derart hart, das es schon schmerzt. Wahrscheinlich bin ich von einem der vielen Insekten gestochen worden, die ständig um mich schwirren oder auf mir krabbeln, widerlich.

Auf dem Wanderpfad

Auf dem Wanderpfad

Tschechische Republikkmkm/hTag
30014,86
Bad Schandau - Litomerice7213,27
Litomerice - Kralupy7316,48
Kralupy - Praha (Zug)--
Praha - Sedlcany6913,910
Sedlcany - Milevsko3213,011
Milevsko - Cesky Krumlov (Zug)--
Cesky Krumlov - Linz8016,112
Das Schieben wird ebenfalls immer schwieriger. Ich bin total falsch, drehe aber nicht um. Irgendwo wird ein Ausgang sein. Weiter geht es durchs Gehölz und meterhohe Felder, der Wald ist zu ende. Plötzlich stehe ich oben kurz vor dem Abgrund mit traumhaften Ausblick. Mit dem Randonneur auf dem Wanderpfad, das kann nicht richtig sein. Es führt kein Weg nach unten, also muss ich wieder umdrehen, werde aber bei der ersten Möglichkeit abbiegen. Diesmal halsbrecherische Abfahrten durch Wald und Wiesen. Nach 2-3 Stunden entkomme ich dem Wirrwarr, endlich wieder Asphalt unter den Füssen. Bis zum Abend kämpfe ich mich nach Litomerice und nehme mir ein Zimmer mit Blick auf den Marktplatz. Das Erlebte geht nicht so ohne Weiteres an mir vorbei. Die einzige Aufheiterung ist der Sieg gegen Portugal im Viertelfinale.

Moldauradweg - Tschechien

Am nächsten Morgen geht es mir widererwartend besser. Eigentlich wollte ich direkt mit der Bahn nach Prag. Aber ich habe Lust zu radeln und so die Gelegenheit, mir Melnik anzuschauen. Der Ort, an dem Elbe und Moldau aufeinandertreffen. Von hier aus folge ich der Moldau erstmal bis Kralupy, wo ich nachmittags eintreffe. Das letzte Stück bis nach Prag fahre ich dann doch mit der Bahn. So kann ich mir in aller Ruhe eine Unterkunft suchen und abends einen Stadtbummel durch die "Goldene Stadt" machen.

Den ersten Ruhetag nach 8 Tagen (ca. 766 km) verbringe ich im Sonnenschein von Prag. Es gibt viel zu sehen, die Karlsbrücke, den Wenzelsplatz und die Prager Burg etc.

Prag verlasse ich bei heissen 30°C Grad. Die Strecke bis Stechovice ist sehr angenehm. Überhaupt ist die Fahrt aus Prag heraus sehr angenehm, im Gegensatz zu anderen Großstädten. Dann folgt jedoch eine mühsame lange Auffahrt nach Slapy. Sehr anstrengend, ständig rauf und runter in der Hitze. Ich entscheide mich, etwas Abstand von der Moldau zu nehmen und nach Sedlcany, in etwas flachere Gefilde, zu fahren. Der erste Tag in Tschechien hat seine Spuren hinterlassen. Morgen werde ich noch bis Milevsko radeln, dann mit dem Zug über Budweis nach Cesky Krumlov fahren. Irgendwie kann ich mich nicht mehr so recht mit diesem Land anfreunden. In Budweis habe ich 1,5 Stunden Aufenthalt, in denen ich mir die Innenstadt ansehen kann. Wieder zurück am Bahnhof erfahre ich vom Busersatzverkehr wegen andauernder Gleisarbeiten. Für meinen Randonneur wird eigens ein VW-Transporter bemüht. Ein paar Minuten später heißt es umsteigen. Die restliche Zeit verbringe ich in einer museumsreifen Bahn mit 2 Waggons. Trotzdem klasse Fahrt durch die Hügel und Wälder an der Moldau.

An der Moldau

An der Moldau

Cesky Krumlov ist eine kleine Stadt mit vielen historischen Gebäuden, die dem schlangenförmigen Verlauf der Moldau folgen. Das Abendessen darf ich auf der Terrasse am Wasser genießen.

Die Stadt ist von Touristen sehr gut besucht. Viele befahren den Fluss mit dem Kanu, hier ist einiges los. Die letzten Kilometer an der Moldau sing analog zur Elbe die schönsten. Kurz vor Studanky beginnt die einige Kilometer lange Steigung hoch zur österreichischen Grenze.

Donauradweg - Österreich

Mittags treffe ich in Bad Leonfelden ein. Zur Brotzeit genehmige ich mir natürlich ein Wiener Schnitzel. Inzwischen fühle ich mich wieder heimisch.

Kaum sitze ich im Sattel, schüttet es sintflutartig. Nach Glashütten geht es noch etwas bergauf, danach gefährlich, auf nasser Fahrbahn hinab bis Linz. Das Wetter schlägt um, strahlender Sonnenschein an der Donau. Am Pleschinger See liegt mein Campingplatz. Eine Schulklasse sorgt für die nächtliche Unruhe. Morgens ab 5.30 Uhr bin ich hellwach, Entspannung ist Wunschdenken.

Österreichkmkm/hTag
21417,46
Linz - Melk10516,813
Melk - Krems--14
Krems - Tulln4418,0
Tulln - Wien4218,415
Wien - Schwechat (Flughafen)2317,318
Der Abschnitt Linz - Wien des Donauradweges sagt mir auch nicht zu. Das Fahren ist eher eintönig als interessant. Der Radweg selbst ist gut ausgebaut und befahrbar. Nebenbei verfolge ich selbstverständlich die EM. Das Halbfinale Deutschland - Türkei sehe ich beim Public Viewing in Melk. Kurz vor der Halbzeit beginnt das Unwetter, Regen, Blitz und Donner. Das österreichische Fernsehen zeigt nur noch Schnee, Stromausfall in der Sendezentrale in Wien. Alles flüchtet in die Häuser, ich ins Hotel. Fernseher an, diesmal jedoch das ZDF, welches sich das Bild über die schweizer Sendeanstalten holt, die keine Ausfälle zu verzeichnen haben. Die deutsche Nationalelf gewinnt und ich kann das Finale in Wien Live verfolgen. Eine gute Nachricht, meine Laune steigt.

Der Himmel bleibt am nächsten Tag leider bedeckt. Dennoch kann ich die zweite Schifffahrt auf meiner Reise genießen. Von Melk nach Krems entlang der Wachau, der schönsten Gegend an der Donau kurz vor Wien. Den letzten Abend vor der Hauptstadt verbringe ich auf dem Campingplatz in Tulln.

Zwei Tage vor dem Finale erreiche ich Wien. So habe ich genug Zeit, die Stadt zu besichtigen. In der Innenstadt wimmelt es nur so von den Fußballfans, meistens Deutsche und Spanier. Die haben hier wirklich alles in Beschlag genommen. Neben der City besuche ich den Prater, eigentlich nur noch eine Kirmes, und das Schloss Schönbrunn. Außerdem mache ich eine weitere Bootsfahrt auf der Donau. Ein Ausflug nach Bratislava ist reizvoll, leider fehlt mir die Zeit.

Sonntag ist Finaltag. Am frühen Abend gehe ich in die Fanzone in der Innenstadt, eine Stadionkarte habe ich nicht und die Schwarzmarktpreise sind derart hoch, dass ich mir davon ein zweites handgefertigtes Reiserad zulegen könnte. Die Fanzone wird von den deutschen Fans dominiert. Ein paar Spanier sind dennoch nicht zu übersehen, vor allem als das Drama in der 33. Minute seinen Lauf nimmt.

Kaum ein Deutscher ist noch zu hören. Die sind alle sprachlos und stehen wie angegossen die nächsten 72 Minuten. Aus der Traum, die Spanier waren besser.

Später feiern einige deutsche Fans trotz der Niederlage ihr Nationalteam. Vizemeister ist auch schon etwas, nur kennen wir es zur Genüge.

Montag morgen folgt die letzte Etappe zum Flughafen Wien-Schwechat. Diesmal habe ich keine Probleme beim Einchecken und Passieren des Zolls. Ja, Nizza war eine Lehre.

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Die GPS-Stützung war sehr hilfreich, eine normale Karte sollte man dennoch dabei haben, sonst ist die Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt. Es kann immer etwas die Planung umwerfen. Weniger angenehm war die doch straffe Etappenplanung und der knappe Zeitplan. Ohne die Bahnverbindungen hätte ich es nicht rechtzeitig nach Wien geschafft. Schade ist, dass lange Teile der befahrenen Flussradwege sehr unattraktiv und nur wenige Kilometer wirklich beeindruckend sind.

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